IP-TV Artikel im Tagi

smid

Super-Moderator
10. Dez. 2012
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Wer heute einen Tagi in die Hände kriegt:

Auf Seite 21 ist ein Bericht über IP-TV und über bluewin

 
«Tages-Anzeiger» vom 17.8.2006, Seite 21

Europas Fernsehapparate sind bereits online

Die Schweiz hinkt hinterher.

Auch wenn die Swisscom dieses Jahr mit TV startet, haben Italien und Frankreich die Nase vorn.

Von

Angela Barandun

Sie wollte in ein neues Medienzeitalter starten. Stattdessen hat sie sich blamiert. Die Deutsche Telekom lancierte letzte Woche ihr Fernsehangebot über den Tele­fondraht. Das Problem: Nur 43 Haushalte können das Angebot empfangen, wie die «Süddeutsche Zeitung» berichtete.

Für die Schweiz ist das interessant, weil die Swisscom noch vor Weihnachten mit ihrem eigenen Fernsehangebot namens Bluewin TV starten will. Sie arbeitet wie die Deutsche Telekom mit Microsoft zu­sammen, was wiederum der Grund dafür war, dass die Swisscom den Start ihres An­gebots zweimal und um insgesamt über anderthalb Jahre verschieben musste.

Dabei gehörte die Swisscom 2003 zu den Ersten, die zusammen mit Microsoft anfingen, IPTV – also Fernsehen übers In­ternet – zu entwickeln. Dieser Vorsprung ist ihr mittlerweile abhanden gekommen. Europäischer Pionier in Sachen Internet­fernsehen sind die Italiener. Als noch nie­mand so recht an die Technologie glaubte, eroberte Fastweb die Fussballherzen der Norditaliener. Heute sind rund 200 000 Fernsehapparate ans Internet angeschlos­sen. Neben exklusiven Inhalten dürfte die geringe Verbreitung des Kabelfernsehens für den Erfolg mitverantwortlich sein. Das führende europäische Land ist aber Frankreich. Es beherbergt knapp ein Drit­tel der europaweit 1,2 Millionen Internet­ TV-Abonnenten. Dass der französische Markt derart umkämpft ist – gleich drei An­bieter streiten sich um IPTV-Kunden –, liegt wohl an der schlechten Grundversor­gung mit Fernsehsendern einerseits und der frühen Marktöffnung andererseits.

Aber auch in Spanien, Grossbritannien, Holland, Schweden, Belgien und Däne­mark wird das Internet bereits zur Fern­sehübertragung genutzt. Das geht aus ei­ner Studie der britischen Marktforscher von Screen Digest hervor. Bis 2009 soll je­der zehnte Europäer übers Internet fern­sehen. Damit bis dann auch Schweizer Haushalte in der Statistik auftauchen, steht aber noch viel Arbeit an.

Der Swisscom bieten sich alles andere als günstige Verhältnisse. Das hiesige An­gebot an Fernsehsendern ist breit und die Versorgung mit Kabelnetz europäisch ge­sehen einzigartig. Hinzu kommt, dass die Kabelnetzanbieter, allen voran die Cable­com, den Hauptvorteil des IPTV bereits für sich gepachtet haben. Sie bieten schon seit einigen Jahren Internet, Telefon und Fernsehen aus einer Hand.

Damit die Swisscom trotzdem Kunden gewinnen kann, muss sie sich also von der Cablecom abheben (siehe Interview). Aber ob die Schweizer tatsächlich bereit sind, wie die Italiener oder die Deutschen fürs Fussballgucken zu bezahlen, ist eine ganz andere Frage.

 
«So etwas wie Gratis-Fernsehen gibt es heute nicht»

Der Swisscom-Chef erklärt, dass man das Kabelfernsehen trotz Bluewin TV behalten kann.

Mit

Carsten Schloter sprach Angela Barandun

Die Deutsche Tele­kom hat sich mit ihrem Fernsehange­bot blamiert. Graut Ihnen davor, etwas Ähnliches zu erleben?

Das würde es nur, wenn wir mit einem solchen Szenario rechnen müssten. Uns kann das aber nicht pas­sieren.

Wieso?

Wir starten erst, wenn unser Produkt überzeugt. Für die Strategie der Swiss­com ist das viel wichtiger, als ein paar Monate früher zu kommen.

Darum hat Bluewin TV auch bereits über ein Jahr Verspätung.

Wer bei einem solchen Produkt nicht mit der richtigen Qualität startet, hat so­fort ein Imageproblem. Das wird man nur mit einem riesigen Aufwand und nach langer Zeit wieder los. Das ist ein enor­mes Risiko.

Was ist denn am Fernsehen so speziell?

Fürs Fernsehen gibt es seit Jahrzehnten einen etablierten Massstab. Darum muss unser Produkt vom ersten Tag an neben dem Altbewährten bestehen können – und es funktionell übertreffen. Sonst ist es für die Kunden uninteressant. Bei neu­artigen Produkten, wie bei Mobilfunk­abos mit Stundentarifen, kann man viel eher etwas riskieren.

Das hätten Sie der Deutschen Telekom wohl erklären sollen.

Aus meiner Sicht ist die Telekom in ei­ner ganz, ganz schwierigen Situation. Sie hat ihr Fernsehangebot bestimmt nicht freiwillig lanciert. Hätte sie verschoben, wäre auf Grund der Fussballrechte eine hohe Konventionalstrafe fällig geworden.

Trotz dem schlechten Start trifft die Deut­sche Telekom auf die besseren Voraus­setzungen als die Swisscom. In Deutsch­land hat sich das Bezahlfernsehen be­reits durchgesetzt.

Das digitale Angebot der Kabelnetz­betreiber und das Bezahlfernsehen von Teleclub zählen erst wenige Kunden, das stimmt. Aber man darf den Kunden nicht anlügen: Jeder bezahlt fürs Fernsehen – ob nun bei uns oder bei einem Kabelnetz­anbieter. Tatsache ist, so etwas wie Gra­tis- Fernsehen gibt es heute in der Schweiz nicht.

Der Grossteil der Kunden nimmt die Kabelanschlussgebühr nicht wahr, weil sie in den Mietnebenkosten enthalten ist. Darum fehlt den Schweizern auch die Bereitschaft, fürs Fernsehen zu bezahlen.

Stimmt. Das ist ein Problem, das wir angehen müssen. Unüberwindbar ist es nicht. Entscheidend wird sein, wie attrak­tiv unser Angebot ist.

Vor allem wohl, wie teuer.

Für uns ist Fernsehen nicht nur ein de­fensiver Akt. Es soll nicht nur dem Schutz unseres Breitbandanschlusses dienen – wir wollen auch Geld damit verdienen.

Und wie stellen Sie das an?

Wir wollen möglichst viele Kunden er­reichen. Und da es unrealistisch ist, den Kabelnetzanbietern sämtliche Kunden abzugraben, werden wir auch jene an­sprechen, die ihren Kabelnetzanschluss behalten wollen. Indem wir ihnen einen spezifischen Mehrwert bieten, den ihnen die Cablecom nicht bieten kann und für den sie zu zahlen bereit sind.

Was wäre das denn?

Video-on-Demand – also die Möglich­keit, einen beliebigen Film per Knopf­druck abzuspielen – ist sicher sehr inte­ressant. Auch im Sportbereich kann man sich eine ganze Reihe von Pay-per-View­ Diensten vorstellen.

Das bedeutet, dass man pro Fussballspiel, das man sich anschaut, bezahlt anstatt für die gesamte Meisterschaft.

Genau. Es fällt keine monatliche Ge­bühr an, und man muss kein Sportpaket abonnieren, bei dem 80 Prozent der Sen- dungen gar nicht interessieren. Die Aus­gaben fallen gezielt an. Das sind aber nur Beispiele, um zu zeigen, dass Kabelnetz und Bluewin TV nebeneinander existie­ren können.

Das setzt voraus, dass die Kunden bereit sind, weiterhin für den Fernseh- und den Telefonanschluss zu zahlen.

Vielleicht spielt uns hier die Tatsache in die Hände, dass die Kabelnetzgebühr nicht wahrgenommen wird.

Sie glauben also nicht, dass es nur noch ei­nen Anschluss pro Haushalt geben wird?

Das hängt wohl davon ab, ob der Nut­zen auf den beiden Infrastrukturen – TV­Kabel und Kupferdraht – wirklich der­selbe ist.

Die Anschlussgebühren werden nicht ver­schwinden?

Nein, ich wüsste nicht, wie die Swiss­com oder die Kabelnetzbetreiber ohne Anschlussgebühren den Ausbau der Netze vorantreiben könnten. Wenn eines sicher bleibt, dann sind das die An­schlussgebühren.

 
Das ist am Schluss ein klares Statement betreffend der Anschluss Gebühren. Es wird also kein IP-TV von Swisscom geben, ohne dass man den Telefonanschluss von CHF 25.--/Monat auch bezahlt. Also ist das nicht interessant, für jemanden, der nur das TV von Swisscom will. Man wird sich wohl früher oder später für einen Anbieter entscheiden, und dann alles aus einer Hand beziehen. Ansonsten wird man die Anschlussgebühren immer doppelt zahlen, einmal der CC und einmal der Swisscom.

Also kommt es jetzt unter dem Strich doch auf die Inhalte an. Wenn es die Swisscom schafft, interessantere Inhalte zu bieten im Bereich des TV wird vielleicht der eine oder andere, durch die TV-Inhalte angezogen, bemerken, dass er dort gleich alles aus einer Hand haben kann, und sich somit den CC Anschluss sparen... Aber bis dahin ist noch ein weiter weg. Und ohne ein Knallerangebot was die Inhalte angeht, hat Swisscom wohl kaum Chancen, aber das sind sie sich glaub auch bewusst.

Gruss

Oli